Wir sind jetzt auch auf Insta, schaut euch den Kanal an für Einblicke und spannende Infos!
 Strahlenexposition von medizinischem Personal vs. andere Berufsgruppen

Strahlenexposition von medizinischem Personal vs. andere Berufsgruppen

Wer bekommt mehr Strahlung ab: das Personal im Röntgenraum oder die Crew im Cockpit?
Die Frage klingt einfach, die Antwort ist es nicht. Denn die entscheidende Kennzahl ist nicht der Mittelwert, sondern der Median.

Dieser Beitrag ist die ausführliche Version unserer Frage der Woche. Im Reel auf unserem Instagram-Kanal ist die Antwort in sechzig Sekunden zusammengefasst, hier stehen die Zahlen, die Quellen und die Einordnung.

Das Wichtigste auf einen Blick
Medizinisches Personal 2024: Mittelwert 0,34 mSv, Median 0,20 mSv, 42.885 messbar exponierte Personen.
Fliegendes Personal 2024: Mittelwert 1,08 mSv, Median 1,04 mSv, 39.139 messbar exponierte Personen.
In der Medizin liegt der Median rund 41 Prozent unter dem Mittelwert. Die Verteilung ist rechtsschief: Viele erhalten fast keine Dosis, wenige deutlich mehr.
Beim Flugpersonal liegen Mittelwert und Median nur rund vier Prozent auseinander. Dort trifft die Dosis nahezu alle gleichmäßig.
Die natürliche Strahlenexposition in Deutschland beträgt 2,1 mSv pro Jahr. Der Median in der Medizin liegt damit bei etwa einem Zehntel davon.
Der Grenzwert der effektiven Dosis für beruflich exponierte Personen beträgt 20 mSv pro Jahr.

Die Zahlen im direkten Vergleich
Grundlage ist die Datenerhebung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zur mittleren effektiven Jahresdosis und zur Anzahl der messbar exponierten Personen aus dem Bericht des Strahlenschutzregisters für das Datenjahr 2024.

Medizin: Mittelwert 0,34 mSv, Median 0,20 mSv, 42.885 Personen.
Fliegendes Personal: Mittelwert 1,08 mSv, Median 1,04 mSv, 39.139 Personen.

Kerntechnik: Mittelwert 0,70 mSv, Median 0,30 mSv, 2.988 Personen.
Allgemeine Industrie: Mittelwert 0,88 mSv, Median 0,30 mSv, 7.569 Personen.
Forschung und Lehre: Mittelwert 0,37 mSv, Median 0,20 mSv, 2.167 Personen.
NORM: Mittelwert 0,44 mSv, Median 0,20 mSv, 85 Personen.
Altlasten: Mittelwert 0,94 mSv, Median 0,92 mSv, 461 Personen.
Radon: Mittelwert 2,12 mSv, Median 1,40 mSv, 176 Personen.
Sonstige: Mittelwert 0,23 mSv, Median 0,20 mSv, 54 Personen.

In der Summe sind das 95.524 messbar exponierte Personen. Alle Werte beziehen sich ausschließlich auf Beschäftigte mit einer Dosis oberhalb der Nachweisgrenze des Dosimeters. Wer ein Dosimeter trägt, ist nicht automatisch messbar exponiert.

Gegenüber dem Vorjahr sind die Werte stabil. Für 2023 weist das BfS 0,33 mSv im Mittel und 0,20 mSv im Median für die Medizin aus, beim fliegenden Personal 1,18 und 1,17 mSv.

Warum der Median in der Medizin so viel niedriger liegt als der Mittelwert

Ein Mittelwert von 0,34 mSv bei einem Median von 0,20 mSv bedeutet: Die Hälfte aller messbar exponierten Beschäftigten liegt bei 0,20 mSv oder darunter. Der Durchschnitt wird von einer Minderheit nach oben gezogen.

Der naheliegende Grund liegt in der Struktur des medizinischen Betriebs. Die große Mehrheit der Menschen mit Dosimeter arbeitet dort, wo die eigene Dosis im Alltag kaum über die Nachweisgrenze hinauskommt: konventionelle Röntgendiagnostik hinter der Schutzscheibe, kurze Durchleuchtungszeiten, seltener Aufenthalt im Kontrollbereich.

Dem steht eine kleine Gruppe gegenüber, die systembedingt näher an der Strahlung arbeitet. Das Bundesamt für Strahlenschutz weist in seinem Bericht keine Zuordnung der Dosen zu einzelnen Fachbereichen aus. Die Konzentration höherer Dosen in interventionellen und nuklearmedizinischen Arbeitsplätzen ist deshalb eine fachliche Einordnung und keine Zahl aus dem Bericht.

Der zweite Punkt wird oft übersehen: In der Medizin ist nur ein kleiner Teil der Überwachten überhaupt messbar exponiert. Rechnerisch entfallen von den rund 432.000 strahlenschutzüberwachten Personen in Deutschland etwa 77 Prozent auf die Medizin, also rund 333.000. Messbar exponiert sind davon 42.885, das sind knapp 13 Prozent.

Warum beim Flugpersonal Mittelwert und Median fast gleich sind
1,08 mSv im Mittel, 1,04 mSv im Median: ein Abstand von nicht einmal vier Prozent. Das ist kein Zufall, sondern folgt aus der Physik des Arbeitsplatzes. Die Dosis entsteht durch kosmische Strahlung, die mit der Flughöhe zunimmt. Sie trifft nicht einzelne Beschäftigte besonders, sondern gilt für die gesamte Kabine.

Die individuelle Jahresdosis hängt damit im Wesentlichen von zwei Größen ab: Flugstunden und Streckenprofil. Beides ist innerhalb einer Crew ähnlich. Eine Gruppe ohne messbare Dosis, wie es sie in der Medizin gibt, existiert hier praktisch nicht. Für das Jahr 2025 nennt das BfS rund 39.500 überwachte Personen und 39.276 messbar exponierte, also nahezu alle.

Bemerkenswert ist die Verteilung der Kollektivdosis. Das fliegende Personal stellt nur rund neun Prozent der Überwachten, trägt aber den größten Anteil der gesamten Jahreskollektivdosis. Für 2023 sind das 44,0 Personen-Sv bei einer Gesamtkollektivdosis von 67,7 Personen-Sv. Die Medizin kommt auf 14,7 Personen-Sv im Jahr 2024 und 13,3 Personen-Sv im Jahr 2023. Wenige Personen mit viel Dosis auf der einen Seite, viele Personen mit wenig Dosis pro Kopf auf der anderen.

Die Einordnung: Was heißt das absolut?
Ein Faktor von gut drei im Mittelwert klingt nach viel. Entscheidend ist die Relation zur natürlichen Exposition, die jede Person in Deutschland ohnehin erhält.

Natürliche Strahlenexposition: 2,1 mSv pro Jahr.
Median in der Medizin: 0,20 mSv, also etwa ein Zehntel davon.
Median beim fliegenden Personal: 1,04 mSv, also etwa die Hälfte davon.
Personal an Radon-Arbeitsplätzen: 2,12 mSv im Mittel, also knapp über der natürlichen Exposition.

Der Grenzwert von 20 mSv pro Jahr wird in der Fläche nirgends erreicht. Für Personen unter 18 Jahren liegt der Jahresgrenzwert bei 1 mSv. Für Ausbildungszwecke kann die zuständige Behörde für 16- bis 18-Jährige 6 mSv festlegen. Die Organ-Äquivalentdosis der Augenlinse ist auf 20 mSv begrenzt, die von Haut und Händen auf 500 mSv. Zusätzlich gilt eine Berufslebensdosis von 400 mSv, also die Summe aller Berufsjahre.

Dass Grenzwerte in der Fläche nicht erreicht werden, heißt nicht, dass es keine Überschreitungen gibt. Für 2024 berichten Sekundäranalysen des Registerberichts von acht Überschreitungen des Jahresgrenzwerts von 20 mSv, davon vier im medizinischen Bereich, dazu Überschreitungen bei Augenlinse, Händen, Gebärmutter und Berufslebensdosis. Diese Einzelzahlen stammen nicht aus der öffentlich zugänglichen Webauswertung des BfS und sind dort nicht nachprüfbar.

Der Blick nach vorn: 2025 ist vorläufig
Für das Datenjahr 2025 weist das BfS auf seiner Methodenseite bereits Werte aus. Medizinisches Personal: 0,36 mSv bei 53.275 messbar exponierten Personen. Fliegendes Personal: 1,09 mSv bei 39.276 Personen. Radon: 2,50 mSv. Medianangaben enthält diese Darstellung nicht.

Der Sprung bei der Zahl der messbar exponierten Personen in der Medizin, immerhin rund 10.400 gegenüber dem Vorjahr, ist bis zum Erscheinen des vollständigen Registerberichts als vorläufiger Meldebestand zu behandeln.

Was bedeutet das für die Praxis?
Für den Alltag in Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie folgt daraus keine neue Regel, aber eine gute Nachricht mit Auftrag. Die Medizin ist im Quervergleich der Berufsgruppen das am niedrigsten exponierte Feld. Das spricht für funktionierende Abschirmung, Abstand und Aufenthaltszeit.

Die Schere zwischen Mittelwert und Median zeigt gleichzeitig, wo Optimierung ansetzen muss: dort, wo die Dosen tatsächlich entstehen, also an den interventionellen und nuklearmedizinischen Arbeitsplätzen. Genau dafür sind Dosimeter, Auswertung und die regelmäßige Aktualisierung der Fachkunde da. Nicht als Formalie, sondern als Steuerungsinstrument.

Das ALARA-Prinzip bleibt der Maßstab. Jede Untersuchung rechtfertigen, Einstellungen optimieren, Wiederholungen vermeiden. Wer die eigene Dosis kennt, kann sie beeinflussen.

Häufige Fragen
Warum weist das BfS überhaupt einen Median aus?
Weil berufliche Dosisverteilungen typischerweise rechtsschief sind. Ein Mittelwert allein suggeriert eine Belastung, die der typische Beschäftigte nicht hat. Der Median beschreibt die Mitte der Verteilung, in der Medizin mit einem Unterschied von über 40 Prozent.
Sind diese Zahlen mit Patientendosen vergleichbar?
Nein. Es geht ausschließlich um die berufliche Exposition des Personals aus der Dosimeterüberwachung, nicht um Dosen, die Patienten bei einer Untersuchung erhalten.
Warum liegt das Flugpersonal so weit oben?
Kosmische Strahlung nimmt mit der Flughöhe deutlich zu. Wer regelmäßig fliegt, erhält eine messbare Dosis. Eine Abschirmung wie am Arbeitsplatz in der Klinik gibt es in der Kabine nicht.
Was bedeutet messbar exponiert?
Die gemessene Dosis liegt oberhalb der Nachweisgrenze des Dosimeters. Alle in diesem Beitrag genannten Mittel- und Medianwerte beziehen sich auf diese Gruppe, nicht auf alle überwachten Personen.

Fazit
Medizinisches Personal erhält 2024 im Mittel 0,34 mSv, im Median 0,20 mSv. Fliegendes Personal erhält 1,08 beziehungsweise 1,04 mSv. Der Vergleich zeigt zwei völlig unterschiedliche Expositionsprofile: eine breite, überwiegend sehr niedrig belastete Gruppe mit einzelnen Belastungsspitzen auf der einen Seite, eine homogene und physikalisch begründete Belastung auf der anderen.

Beide liegen weit unter dem Grenzwert von 20 mSv. Die Medizin liegt sogar unter einem Zehntel der natürlichen Strahlenexposition. Die aussagekräftigere Kennzahl ist dabei nicht der Mittelwert, sondern der Median. Er erzählt, was beim typischen Beschäftigten tatsächlich ankommt.

Quellen
Quelle 1: Bundesamt für Strahlenschutz, Statistische Auswertungen aus dem Strahlenschutzregister. https://www.bfs.de/DE/themen/ion/strahlenschutz/beruf/strahlenschutzregister/strahlenschutzregister-auswertungen.html 
Quelle 2: Bundesamt für Strahlenschutz, Die berufliche Strahlenexposition in Deutschland 2024, Bericht BfS-73/25, Abbildung 4.4. https://doris.bfs.de/jspui/handle/urn:nbn:de:0221-2025112457250 
Quelle 3: Bundesamt für Strahlenschutz, Grenzwerte für beruflich exponierte Personen. https://www.bfs.de/DE/themen/ion/strahlenschutz/beruf/grenzwerte/grenzwerte.html 
Quelle 4: Bundesamt für Strahlenschutz, Monitoring of flight personnel, Datenjahr 2025. https://www.bfs.de/EN/topics/ion/radiation-protection/occupation/methodology/air-copw-monitoring.html 
Quelle 5: Berichtsanalyse zum Registerbericht 2024, Kennzahlen und Grenzwertüberschreitungen. https://sim.tuev-media.de/docs/berichtsanalyse_strlsch_register_2024.html